“Selbstorganisation: Ja! - Kapitalismus: Nein??” titelt eine Episode des Gründerplausch aus dem April 2020. Lars Vollmer und Mark Poppenborg fragen, ob das Bekenntnis für Selbstorganisation, wenn man es zu Ende denke, nicht auch eines für den Kapitalismus und insbesondere für den Markt sei. Ich möchte widersprechen. Aus Empörung beim Hören wurde im Laufe des Nachdenkens ihrer Argumente dieser Artikel. Ich versuche ihr Argument zu rekonstruieren. Im Anschluss beschäftige ich mich genauer mit ihrem Begriff des Marktes und mit der Kopplung gesellschaftlicher Funktionssysteme. Eine eigene These beschließt diesen Artikel.

Lars Vollmer und Mark Poppenborg haben 2011 das Netzwerk ‘Intrinsify’ gegründet. Heute steht Intrinsify für eine Führungskräfte Akademie, eine Unternehmensberatung (Organeers), ein Festival (work-X) und ein Mitgliedernetzwerk im Feld New Work / Neue Wirtschaft. In diesem Rahmen produzieren sie den Gründerplausch. Ich habe an einem ihrer Führungskräfteseminare teilgenommen und sie als streitbare Diskutanten mit spannenden Ideen kennengelernt, die gerne einer gewissen New-Work-Naivität mit den Mitteln Luhmannscher Systemtheorie entgegentreten.

Für ihr Argument rekonstruieren sie Überlegungen zur Selbstorganisationen in Unternehmen. Selbstorganisation, verstanden als das Agieren von autonomen Teams nah am Markt, sei eine angemessene organisatorische Antwort auf die Anforderungen eines dynamischen Marktes. Selbstorganisierte Teams hätten den Vorteil schneller auf die Herausforderungen reagieren zu können, die der Markt ihnen stelle, weil sie unmittelbare Markterfahrungen machten und ihre Entscheidungen selber träfen. Selbstorganisation sei die dynamikrobuste, innerorganisatorische Antwort auf dynamische Märkte.

Was aber, so ihre Überlegungen weiter, innerorganisatorisch als Logik rational sei, verliere im makroökonomischen Raum nicht seine Gültigkeit. So wie autonome Teams dynamikrobust am Markt agierten, organisiere der Markt die Verteilung von Ressourcen. Anhand der Knappheit von Handreinigungsmitteln veranschaulichen sie diese Mechanik. In der Corona-Pandemie seien Handreiniger knapp geworden. Der Markt reagiere auf Knappheit mit dem Anstieg von Preisen. Handreiniger würden teuerer: 20 Euro, 50 Euro, der Preis steige so lange es eine Nachfrage gäbe. Aufgrund des hohen Preises seien in diesem Sektor des Marktes hohe Gewinne zu realisieren. Kapital fließe in diesen Bereich. Kapazitäten zur Produktion von Handreinigern würden aufgebaut, weil viele Unternehmen an den hohen Gewinnen teilhaben wollten. Die hohen Kapazitäten führten dazu, dass der Preis der Reiniger sinke, denn wenn das Angebot größer würde, sinke der Preis. Der Markt hätte mit dem Instrument des Preises dafür gesorgt, dass ausreichend Handreiniger produziert würden und der Preis der Handreiniger hätte sich wieder auf einem nomalen Niveau eingependelt. Der Markt sei das optimale Mittel, um knappe Ressourcen zu verteilen. Sein Instrument sei der Preis. Hätte der Staat in einer der Phasen interveniert, würde die Selbststeuerdynamik des Marktes gestört. Hätte der Staat bspw. die Preise für Handreiniger begrenzt, weil 50 Euro für viele Menschen zu teuer sei, wäre kein Anreiz entstanden, Produktionskapazitäten in diesem Bereich aufzubauen und das Problem sei nicht in den Griff zu bekommen.

Soweit Lars und Mark. Beide beziehen sich positiv auf die Luhmannsche Systemtheorie, deshalb lege ich diese meiner Antwort zu Grunde. Die Systemtheorie begreift den Übergang von der feudalen Gesellschaft des Mittelalters zur industriellen Gesellschaft der Moderne als Übergang von stratifizierter (starr geschichteter) zur funktional differenzierten Gesellschaft. Der entscheidende evolutionäre Vorteil der funktional differenzierten Gesellschaften ist ihre Fähigkeit, mit einem höheren Maß an sozialer Komplexität umgehen zu können. Komplexitäten, die die stratifizierte Gesellschaft überforderten, sind mit den evolutionären ‘Erfindungen’ der funktional differenzierten Gesellschaften verträglich. [1] Ein zentrales Beispiel ist der Markt. Der Markt ist älter als die moderne Gesellschaft, aber als Mittel, um national und international die Allokation von Ressourcen zu steuern, kommt er erst in der modernen Gesellschaft voll zum Zuge. Lars und Mark beschrieben anschaulich, wie durch einen sehr einfachen Mechanismus, die Preisbildung, ein Komplex von Informationen verdichtet und zur Regelung von Wirtschaftsprozessen genutzt werden kann. Genau in diesem Sinne ist der Markt besser in der Lage komplexe Wirtschaftsgüterverteilungsentscheidungen zu leiten als eine starre, zentralere Gesellschaftsordnung.

Der Markt ist nicht die einzige Errungenschaft der funktional differenzierten Gesellschaft, die es ihr erlaubt soziale Komplexität in höherem Maße zu handhaben als ihre Vorgänger. Die zentrale evolutionäre Erfindung der funktional differenzierten Gesellschaft ist ihre Grundstruktur. Lose gekoppelte Funktionssysteme treten an die Stelle von starr fixierten Teilen der Gesellschaft. In der modernen Gesellschaft sind Wirtschafts-, Rechts-, politisches, Bildungs- oder Gesundheitssysteme unabhängig voneinander. Sie werden nicht zentral gesteuert. Sie gehorchen ihren je eigenen Gesetzen. Sie fungieren gegenseitig als Ressourcenlieferanten und als Quelle von Irritationen. Mit dem Begriff der Irritation bezeichnet die Systemtheorie die Art und Weise, wie ein System auf ein anderes wirkt. Das politische System mag zwar Gesetze beschließen, die für das Wirtschaftssysteme bindend sind, wie sich das Wirtschaftssystem an diese neue Lage anpasst, liegt nicht in der Hand des politischen Systems, sondern wird vom Wirtschaftssytem in seiner Eigendynamik selbst ‘entschieden’. (Die Systemtheorie benutzt dafür den etwas sperrigen Begriff Autopoiesis.) Kurz gesagt: ein System kann ein anderes irritieren, aber nicht steuern.

So wie der Markt nicht mehr von einem zentralen Punkt zu steuern ist, ist es auch das Wechselspiel der gesellschaftlichen Funktionssysteme nicht. So wie der Markt mit dieser Mechanik ein höheres Maß sozialer Komplexität bearbeitbar macht, gilt es auch für die Gesellschaft als ganze. Die Abhängigkeit und Wechselwirkung der gesellschaftlichen Funktionssysteme stellt sich historisch jeweils konkret her und reagiert damit, evolutionär, auf Herausforderungen, die jedes einzelne Funktionssystem in seine Logik übersetzt. Die Geschichte der modernen Gesellschaft lässt sich als Geschichte der sich verändernden Verhältnisse der Funktionssysteme schreiben.

Ein Krieg macht es notwendig das Wirtschaftssystem aus der Sicht des politischen Systems und des Militärs zu gängeln. Um sich auf einen Krieg vorzubereiten, werden die Ressourcen des Wissenschaftssystems in eine bestimmte Richtung geleiten. Eine Rezession wie die Weltwirtschaftskrise oder die Finanzkrise 2008 schaffen Interventionsnotwendigkeiten für das politische System. Ein anspruchsvolles Forschungsprogramm wie das Man-on-the-Moon-Programm erfordern die Mobilisierung von Ressourcen des Wissenschaftssystems und der Wirtschaft. In der aktuellen Corona-Pandemie ist es das Gesundheitssystem, das den Takt vorgibt. Dass sich hier das Geflecht der Funktionssysteme jeweils verschiebt, ist Ausdruck der Fähigkeit mit sozialer Komplexität umgehen zu können. Das Gesellschaftssystem ist nicht auf eine spezifische Form der Komplexität festgelegt, sondern verfügt über die Fähigkeit der dynamischen Rekonfiguration - der evolutionären Anpassung. Auch wenn in Zeiten der Pandemie das Gesundheitssystem zentrale Impulse für alle anderen gesellschaftlichen Funktionssysteme setzt, ist die Art wie jedes System die Impulse (Irritationen) aufgreift, in seiner jeweiligen Funktionslogik begründet. Es verbinden sich Synchronität und ein hohes Maß an Eigenlogik miteinander - nichts anderes bedeutet Robustheit für Komplexität.

Die lose Kopplung der Funktionssysteme erlaubt die Gleichzeitigkeit verschiedener Zeiten und Rhythmen. Jedes Funktionssystem hat eine eigene temporale Logik. Während die Logik des Marktes schnell ist und ihren Takt in Fragen der Rentabilität findet ist der Horizont des Gesundheitssystems weit und mit statistischer Prognostik verknüpft. Der langfristige Aufbau von Überkapazitäten mag für das Gesundheitssystem, das sich auf die Möglichkeit einer Pandemie vorbereitet, sinnvoll sein auch wenn es aus der Sicht des Wirtschaftssystems unrentabel ist. Rentabilität ist ein Begriff der im Gesundheitssystem keinen Sinn hat. Die Kopplung der Systeme - und Organisationen wie bspw. Krankenhäuser sind ein Ort dieser Kopplung - schafft Konflikte die jeweils konkret zu entscheiden sind.

Die unterschiedlichen Zeiten der Funktionssysteme geben dem Beispiel des Handreinigers, das Lars und Mark benutzen, um die Mechanik des Marktes darzulegen, einen Rahmen. Erst in diesem Rahmen wird ihr Beispiel bewertbar. Nicht zufällig ist ihre Schilderung zeitlos. Es gibt für die Regulation einer knappen Ressource durch den Markt keine feststehende Zeitvorgabe. Die beschriebene Mechanik mag das Problem in wenigen Tagen oder Wochen lösen, vielleicht braucht sie auch einen Monat oder ein halbes Jahr. Für das Gesundheitssystem ist das anders. Bei der Bekämpfung einer Pandemie zählt jeder Tag und wenn eine relevante Bevölkerungsgruppe sich über einen längeren Zeitraum keine Handdesinfektion leisten kann, mag das nicht akzeptabel sein. Erst wenn die Darstellung des Dilemmas - staatlicher Eingriff oder Logik des Marktes - in ihren zeitlichen Rahmen gebracht ist, erst wenn die widersprechenden Logiken der Funktionssysteme sichtbar sind, kann das Problem verhandelt werden.

Was hat das mit der Ausgangsfrage, der Frage nach dem Zusammenhang von Selbstorganisation und Kapitalismus, zu tun? Das, was aus der Sicht des freien Marktes wie ein Eingriff in seine Autonomie erscheint, ist nichts anderes als die konkrete Gestalt der Kopplung gesellschaftlicher Funktionssysteme. Anders gesagt: Selbstorganisation als dynamikrobuste Art der Organisation bedeutet auf der Ebene der Gesellschaft lose Kopplung autonomer Funktionssysteme. Jedes gesellschaftliche Funktionssystem kann, wie der Markt, die Geschichte seines eigentlichen Funktionierens erzählen und von Eingriffen in seine Autonomie berichten, die seine eigene - eigentliche, wirkliche - Logik im Kern bedrohen. Es ist gerade Ausdruck der Autonomie der Funktionssysteme, dass sie die konkreten Formen der Kopplung so empfinden und kein originäres Verständnis für die fremde Logik eines fremden Funktionssystems entwickeln. Wirtschaftliche Vorgaben sind für das Gesundheitssystem immer fremde Logik. Politische Interventionen sind aus der Sicht des Marktes immer verzerrend. Aber es ist gerade diese Errungenschaft, dass es nicht mehr ein System gibt, dessen Logik alle anderen Systeme unterworfen sind, die die Dynamikrobustheit moderner Gesellschaften begründet.

Kurz gesagt: So wie sich mit der modernen Gesellschaft ein umfassender Marktmechanismus als flexibles Instrument etabliert, um knappe Ressourcen über Preise zu verteilen, etabliert sich auf der Ebene des Gesellschaftssytems eine Gruppe lose gekoppelter Funktionssysteme, die ihre Verhältnisse und Abhängigkeiten je nach Situation justieren. Das was aus der Sicht des Wirtschaftssystems als Störung des eigenen Mechanismus erscheint ist die jeweilige und spezifische Ausprägung der Kopplung der Funktionssysteme.

Ein zweiter Aspekt an Lars und Marks Argumentation ist bemerkenswert. Sie streiten für die Autonomie des Marktes. Wenn man die reine Marktmechanik nur machen ließe, würden Ressourcenprobleme ‘natürlicherweise’ adressiert werden. Ihr Marktbegriff ist normativ. Sie kontrastieren einen reinen, ideellen Markt mit dem vorgefundenen, empirischen und konstatieren, dass die Wirklichkeit nicht dem Ideal entspräche, dass die Wirklichkeit das Ideal aushebele. Diese Art der Argumentation ist ungewöhnlich für sie. Wenn ich sie nicht falsch verstehe, würden sie im Feld der Organisationsberatung, dort wo sie zuhause sind und über einen reichlichen Erfahrungsschatz verfügen, anders agieren. Wenn sie in einem Unternehmen mit Disfunktionen und Pathologien konfrontiert würden, würden sie nicht auf die eigentlichen und ideell vorhandenen Funktionen dieser verweisen, sondern die Pathologien nach ihrer Funktion befragen. Sie würden die Wirklichkeit gegen die Rhetorik des ‘eigentlich’ und ‘man müsste nur’ verteidigen. Der normative Diskurs wäre ihnen in einem Unternehmen eher Symptom als Medizin. Anders im Feld der Wirtschaft. Hier fragen sie nicht nach der Funktion der Störung, hier verteidigen sie das Ideal gegen die Wirklichkeit.

Selbstorganisation und Kapitalismus - wie steht es mit dem Kapitalismus. Die Provokation des Podcasts besteht in der Frage, ob nicht wer ‘Ja’ zur Selbstorganisation sage auch ‘Ja’ zum Kapitalismus sagen müsse oder schwächer: nicht ‘Nein’ zum Kapitalismus sagen könne. Wie verändert die Einsicht in die lose Kopplung der gesellschaftlichen Funktionssysteme die Frage nach dem Kapitalismus? Wie übersetzt sich Kapitalismus in die Sprache der Systemtheorie? Kapitalismus ist (die Naivität dieses Definitionsversuches sei mir verziehen) Privateigentum an den (entscheidenden) Produktionsmitteln. Wie begreift Marx die Kopplung der gesellschaftlichten Funktionssysteme zueinander? “Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welche bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt.” (Zur Kritik der politischen Ökonomie. Vorwort) Kurz gesagt: Kapitalismus heisst, dass das wirtschaftliche Funktionssystem das Dominante ist und dass es durch Privateigentum an Produktionsmitteln bestimmt wird. [2] Dominant heisst hier nicht, dass das Wirtschaftssystem empirisch und kurzfristig dominant ist, sondern dass es grundsätzlich, langfristig und strukturell diese Rolle spielt. [3] Im Gegensatz zur Systemtheorie, die die Moderne durch lose gekoppelte Funktionssysteme charakterisiert, impliziert der Kapitalismusbegriff fest gekoppelte Funktionssysteme unter Dominanz der Wirtschaft. Kehren wir zurück zum Ausgangspunkt. Selbstorganisation war die dynamikrobuste Antwort von Unternehmen auf die Variabilitäten des Marktes, der Markt war die dynamikrobuste Antwort des Wirtschaftssystems auf komplexe Allokationsprobleme und die lose Kopplung der gesellschaftlichten Funktionssysteme war die dynamikrobuste Antwort der Gesellschaft auf historischen Herausforderungen. Der Kapitalismusbegriff unterstellt das Gegenteil: eine Gesellschaftsordnung die durch eng gekoppelte Funktionssysteme geprägt ist. Die Begriffe von Gesellschaft sind inkompatibel: Die Systemtheorie zeigt, dass die Struktur der modernen Gesellschaft ihren Vorgängern überlegen ist, weil sie, die moderne Gesellschaft, mit einem höheren Maß an Komplexität umgehen kann. Der Kapitalismusbegriff greift hier auf ältere Modelle der Gesellschaft zurück, sein Gesellschaftsbegriff ist von vormodernen, stratifizierten (geschichteten) Gesellschaften geprägt. Wenn man der Systemtheorie in ihrem Gesellschaftsbegriff folgt, ist damit das Phänomen, das der Kapitalismusbegriff aufzeigt, nicht aus der Welt. Das Phänomen Kapitalismus ließe sich systemtheoretisch als funktional differenzierte Gesellschaft mit zu starkem Einfluss des Wirtschaftssystems rekonstruieren. Die Stärke der modernen Gesellschaft, durch die lose Kopplung von Funktionssystemen vielen Herausforderungen gewachsen zu sein, würde in dieser ‘kapitalistischen’ Gesellschaft Gefahr laufen, ihre Dynamikrobustheit zu verlieren, weil ein Funktionssystem zu dominant ist. Ergo:

Wer ‘Ja’ sagt zur Selbstorganisation muss auch ‘Nein’ sagen zum Kapitalismus!

Damit ist, genau wie ich es oben bei Lars und Mark gezeigt habe, der empirische Diskurs verlassen und der normative betreten. Die enge Kopplung der Funktionssysteme ist von einem beschreibenden zu einem normativen Modell geworden. Von beschreibenden Sätzen führt kein Weg zu wertenden. Ich müsste genauer sagen: Wer mit mir der Meinung ist, dass wir bei den Herausforderungen der Zukunft, insbesondere dem Klimawandel und der globalen sozialen Frage, es uns nicht leisten können, ausschließlich der Logik eines Funktionssystems, der Wirtschaft, zu folgen, sollte im politischen System dafür streiten, zu einer je problemadäquaten Konfiguration der Funktionssysteme zu kommen. So wie eine Pandemie nach einer temporären Dominanz des Gesundheitssystems verlangt, die immer wieder von anderen Funktionssystemen, in einem quälenden aber notwendigen, genuin politischen, Prozess, in Frage gestellt wird, sollten wir unsere Gesellschaft auf die Herausforderungen der Zukunft einstellen.

Anmerkungen

[1] Im Text klingt es oft so, als seien Gesellschaften erfunden worden, als hätten Menschen sich ausgedacht, wie man Märkte dynamikrobust mache oder die Gesellschaft auf Komplexität ausrichte. Gemeint ist in all diesen Fällen ein evolutionärer Prozess. Ein Prozess bei dem durch Variation und Selektion Muster entstehen, die sich aufgrund ihrer Vorteile stabilisieren.

[2] Die Form der Dominanz des Wirtschaftssystems ist keine einfache Frage in der marxistischen Theoriebildung. Engels weist in seinem späten Werk bereits darauf hin, dass es sich hier nur um eine Bestimmung in letzter Instanz handele. Und 1965 erklärt der französische Marxist Louis Althusser, dass die Stunde der letzten Instanz nie schlage. Die Präzisierung oder Lockerung des Bestimmungsverhältnisses von Basis und Überbau ist eine Achse, an der sich die Geschichte des Marxismus als Theorie erzählen ließe.

[3] Dominanz ist ein wichtiger Begriff dieses Textes. Als Begriff wird er nicht entwickelt. Intuitiv ist er verständlich und das soll hier genügen. Trotzdem steckt in der Dominanz ein theoretisches Problem. Die Systemtheorie konzipiert die Funktionssysteme autonom und strukturell gekoppelt. Steuern koppeln bspw. das politische und das wirtschaftliche System, Verträge das wirtschaftliche und das rechtliche. Die Frage nach der Dominanz lässt sich, so die Hypothese, operationalisieren in der empirischen Analyse des Zustandekommens solcher Kopplungsmodalitäten. Das, was als Lobby-Arbeit im Kontext eines neuen Steuergesetzes beschrieben wird, ist das Kräftemessen der Funktionssysteme. Wer sich hier regelmäßig und oft durchsetzt, ist dominant.